15.12.2019

Krankenhaus in der Türkei: Checkliste für den Urlaub

Rund 33,5 Millionen Urlauber heißt die Türkei jährlich Willkommen. Kein Wunder – mit 8000 km Mittelmeerküste, guter Infrastruktur und breitem Hotelangebot punktet das Urlaubsland vor allem bei Familien. Was passiert jedoch, wenn man krank in der Türkei wird? Wie ist die medizinische Versorgung, wenn man im Urlaub unerwartet ins Krankenhaus muss? Wir haben bei der Notrufzentrale der ERGO Reiseversicherung  nachgefragt:

Wie ist die medizinische Infrastruktur der Türkei?

Durch die Gesundheitsreform der türkischen Regierung hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Die staatlichen Krankenhäuser sind medizinisch modern ausgestattet, das Personal gut ausgebildet und inzwischen auch auf Privatpatienten eingestellt.

In den Haupt-Touristengebieten rund um Alanya, Side, Belek oder Kemer gibt es viele Privatkliniken als Ketten, die sich hauptsächlich auf Urlauber spezialisiert haben. Aber gerade dieses Netzwerk bereitet uns in der Notfallhilfe häufig Probleme.

Welchen Standard bieten die Privatkliniken in der Türkei?

Aufgrund der modernen Einrichtung und Servicebereitschaft wirken diese Kliniken eher wie Hotels und sind ansprechend – auch, weil dort die Sprachbarriere niedriger als in den staatlichen Krankenhäusern ist und es deutsch sprechende Ärzte gibt. Patienten und Verwandte fühlen sich gut aufgehoben. Ein zweites Bett wird zum Beispiel oft gratis dazu angeboten. Als Hotelgast „landet“ man in den meisten Fällen in der Privatklinik, weil z. B. der Taxifahrer automatisch dorthin fährt, der Hotelarzt eine Empfehlung ausspricht oder sogar den Transport organisiert.

Wie bewerten Sie die medizinische Versorgung in der Türkei?

Die erste Anlaufstelle für Urlauber ist in der Regel der Hotelarzt. In vielen Hotelanlagen sprechen diese Deutsch. Sind es kleinere Verletzungen oder harmlose Erkrankungen, läuft es für die meisten Urlauber ohne Probleme.

Handelt es sich jedoch um einen Notfall und eine stationäre Behandlung, kann es schon anders aussehen. Denn Hotel-Ärzte unterhalten oft Belegbetten in den privaten Krankenhäusern oder werden für die Vermittlung von ausländischen Patienten entlohnt. Auch Taxifahrer oder das Hotel selbst erhalten eine Vermittlungsprovision. So wird man als Privat-Patient zu einer wichtigen Einnahmequelle – und die Behandlungskosten spielen dabei eine große Rolle.

Aus medizinischer Sicht sehen wir vor allem Überbehandlung, Operationen (z. B. Blinddarm-OPs ohne Grund), unnötige, oft strahlenbelastende Untersuchungen, Verlängerung des Aufenthalts und die Behinderung der Kommunikation zu uns als sehr kritisch.

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Welche Probleme gibt es in der Zusammenarbeit mit den türkischen Privatkliniken?

Wir beobachten den türkischen Markt seit Jahren und hatten viele besorgniserregende Fälle. Gerade, wenn Urlauber im Ausland erkranken oder ein Familienmitglied vor Ort eingewiesen werden muss, sind sie sehr sensibel und verunsichert. Wenn dann Diagnosen „dramatisiert“ werden oder auch Angst bzw. Verunsicherung gezielt geschürt wird, schadet es den Patienten – für die Genesung und den weiteren Ablauf.

Wir hatten auch Fälle, in denen die Kommunikation mit uns und den Patienten massiv behindert oder gezielte Falschaussagen in unserem Namen an die Patienten weitergegeben wurden. Erst kürzlich hatten wir einen Versicherten, der aufgrund einer Lungenentzündung in eine Fachklinik verlegt werden sollte und die Verlegung ohne unser Wissen organisiert wurde. Statt der Fachklinik „landete“ er jedoch nur in einer anderen Privatklinik der gleichen Kette. Den medizinischen Grund dafür konnte man uns nicht nennen.

Aus diesen Gründen ist bei stationären Behandlungen unser Ziel, unsere Versicherten so schnell wie möglich nach Hause zu holen, um eine zuverlässige Weiterbehandlung und stressfreie Genesung sicherzustellen. Voraussetzung dafür ist natürlich immer die Transportfähigkeit des Patienten. Unsere ärztlichen Koordinatoren vor Ort und unser EuroCenter in Istanbul bilden dabei eine wichtige Schnittstelle zu unseren Kollegen in der Notrufzentrale der ERGO Reiseversicherung.

Was empfehlen Sie den Türkei-Urlaubern, die sich vor Ort behandeln lassen müssen?

Oft erfahren wir von den Problemen erst, wenn uns verunsicherte Kunden anrufen und ihren Fall schildern. Oder sogar erst, wenn sie zurück in Deutschland sind und sich über nachträgliche Rechnungen und angebliche Aussagen der Versicherung beschweren. Zum Glück melden sie sich – so können wir weitere Kosten, die ungerechtfertigt verlangt werden, verhindern.

Wir raten, die Reisekrankenversicherung (wenn vorhanden) schon vor der Aufnahme in eine Privatklinik oder spätestens danach zu kontaktieren. Dann kann sich die Notrufzentrale gezielt in das sogenannte Case Management der Klinik einbinden und den Reisenden bei weiteren Behandlungsschritten begleiten.

Auch bei Eingriffen oder Operationen sollte man besser eine zweite Meinung einholen und sich nicht vorschnell entscheiden oder gar bedrängen lassen. Neben der vollen Übernahme der Behandlungskosten bis hin zum Rücktransport nach Hause, prüfen unsere Ärzte die Behandlung und stehen dem Patienten unterstützend zur Seite. Das ist auch das, was im Notfall für die Erkrankten am meisten zählt.

Checkliste für die Behandlung im Krankenhaus:

  1. So früh wie möglich die Notrufzentrale der Auslandskrankenversicherung einschalten und schildern, was passiert ist. Die Notrufzentrale hilft auch bei der Suche nach dem nächstgelegenen Krankenhaus.
  2. Nichts unterschreiben oder vorab bezahlen. Die Notrufzentrale übernimmt die Kosten für deine stationäre Behandlung und sendet Kostenübernahmegarantien an das ausländische Krankenhaus.
  3. Eine zweite Meinung einholen, vor allem wenn Kinder betroffen sind: Überbehandlung und vorschnelle Operationen kommen in Privatkliniken im Ausland häufig vor.
  4. Pass nicht abgeben, notfalls eine Kopie machen und nur diese herausgeben.
  5. Sich nicht unter Druck setzen, verunsichern oder drängen lassen. Ggf. auch die Reiseleitung vor Ort informieren.

Gibt es noch andere Urlaubsländer, in denen Sie verstärkt Probleme mit den Privatkliniken beobachten konnten?

Bedingt durch die wachsenden Tourismuszahlen vereinzelt Fälle in Bulgarien oder vor einigen Jahren auf Mallorca, allerdings nicht in diesem Ausmaß.


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10 Kommentare zu “Krankenhaus in der Türkei: Checkliste für den Urlaub”
  1. Simona Keller

    Hallo Erni, vielen Dank für die Schilderung Ihrer Erfahrung. Ein Glück, dass Sie eine zweite Meinung eingeholt haben und es so gut ausgegangen ist. Alles Gute!

  2. Erni

    Ihre Schilderungen kann ich nach Erfahrungen im Dezember 20 in einem türkischen Krankenhaus nur bestätigen – bei mir wurde nach einer, wie ich hinterher in Deutschland erfahren habe, falsch durchgeführten und nicht unbedingt erforderlichen Herzkatheter-untersuchung von 4 (!) Kardiologen eröffnet, dass ich SOFORT In einer Not-OP 2 Bypässe benötige, da ich sonst die Nacht nicht überlebe. Als Laie, dem es nicht gut geht, glaubt man das erst mal. Nur durch die massive Intervention eines befreundeten Arztes in Deutschland und seiner Rücksprache mit mehreren Kardiologen konnten die türkischen Ärzte überzeugt werden , dass ich ohne OP fliegen kann. Nach meiner Rückkehr stellte sich heraus, dass ich am wohl best untersuchten Herz Europas und Asiens keinerlei Hardwareprobleme habe. Ohne die tiefe Analyse und die Diskussionen des befreundeten deutschen Arztes mit den türkischen Ärzten hätte ich jetzt 2 sinnlose Bypässe und die ursprünglichen Beschwerden bestünden immer noch…

  3. Erika Peters

    Hallo Gisela kennen Sie den Mann persönlich oder ist es eine Internet Bekanntschaft ?

  4. Simona Keller

    Guten Tag Frau Becht, sich an das Konsulat zu wenden, ist in dieser Situation auf jeden Fall empfehlenswert. Konsulate können hier ausführlich beraten und bei Problemen im Ausland unterstützen, daher sind sie auch die erste Anlaufstelle. Wir können Ihnen keine Auskunft dazu geben, welche Hilfeleistungen das amerikanische Konsulat in Istanbul darüber hinaus anbietet. Wie die Kostenübernahme bei Ihrem Bekannten geregelt ist, hängt auch von seiner amerikanischen Krankenversicherung ab – und wie der Auslandschutz hier geregelt ist. Wir hoffen, dass es Ihrem Bekannten bald besser geht! Viele grüße!

  5. Melek

    Inspirierender Blog Super.
    weiter so.
    belek-tuerkei.de

  6. Gisela Becht

    Ich habe zur Zeit einen bekannten in Istanbul. Er ist Amerikaner , ist schlimm an Malaria erkrankt. Für die Behandlung verlangt man 500 Euro , die er aber nicht hat . Wie kann man da helfen, e eventuell über das amerikanische Konsulat?

  7. Hugo

    wie wäre es, die Klimaanlage nicht auf Eisschrank zu stellen?

  8. Eine gute Checkliste! Bei mir steht Auslandsreisekrankenversicherung immer ganz oben auf der Liste, weil ich mich immer erkälte, wenn es im Hotel so kalt wie im Klimaschrank ist.