05.09.2017

Sprechen wie ein Vogel: die Pfeifsprache El Silbo auf La Gomera

Wenn Urlauber auf La Gomera vermeintlich Vogelgezwitscher hören, „belauschen“ sie vielleicht eigentlich eine Unterhaltung zwischen zwei Personen. Eine akustische Besonderheit auf der kanarischen Insel ist nämlich die Kommunikation mit der Pfeifsprache El Silbo. Anstatt Handy benutzt man einfach Mittel- oder Zeigefinger und übersetzt mit Pfeiflauten die gesprochene Sprache.

Pfeifsprache mit langer Tradition

Früher verständigten sich die Bewohner der Insel auf diese Weise, denn die langgezogenen und zerklüfteten Täler waren umsäumt von steilen Berghängen und der Besuch von Nachbarn umständlich. Auch für die Arbeit auf den Feldern war die Sprache besonders hilfreich um sich über weite Entfernungen unterhalten zu können. Da konnte es sich in den Bergdörfern schon mal wie in einem Vogelkäfig anhören. Es gab sogar spezielle Pfeifer, die wichtige Nachrichten, vor allem nachts, über die Insel verkündeten. Mit der Verbreitung des Telefons auf der Insel verschwand die Sprache jedoch immer mehr.

Sprechen wie ein Vogel – so funktioniert die Pfeif-Sprache

Es hört sich ein bisschen wie zwitschernde Kanarienvögel an. Eine Hand dient bei der Erzeugung der Pfeiflaute als Schalltrichter, von der anderen Hand legt man Zeige- oder Mittelfinger in einem bestimmten Winkel in den Mund. Beim Ausstoßen der Luft werden die Lippen dann entweder gespitzt oder in die Breite gezogen. Aus den vier Konsonanten und zwei Vokalen, aus denen die Sprache besteht, lassen sich so etwa 4000 Wörter bilden. Die Pfiffe können eine Lautstärke von bis zu 100 Dezibel erreichen und sind damit so laut wie eine Motorsäge. Steht der Wind auf der Insel günstig können die Nachrichten über Entfernungen von bis zu zehn Kilometern übermittelt werden. Eine wichtige Voraussetzung gibt es allerdings: Man muss noch alle Zähne im Mund haben.

Pfeifen als Weltkulturerbe

Weitergegeben wurde die Sprache von den Eltern an ihre Kinder. Ursprünglich übersetzte das Pfeifen die Sprache der Ureinwohner der Insel. Mit der Eroberung der Kanarischen Inseln durch die Spanier wurde sie an das Spanisch angepasst. Zwischenzeitlich war die Pfeifsprache fast ausgestorben, doch seit sie von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurde, wird sie wieder vermehrt verwendet. Sogar an den Schulen wird El Silbo seit 1999 als Pflichtfach unterrichtet. Schätzungsweise rund 22.000 Menschen „pfeifen“ die Sprache.


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